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Die Ästhetik des Widerstands – Peter Weiss 100
Filmreihe
Kuratiert von Florian Wüst
Ein Projekt des HAU Hebbel am Ufer in Kooperation mit Arsenal – Institut für Film und Videokunst


26. September 18. Oktober 2016
Kino Arsenal, Potsdamer Str. 2, 10785 Berlin
HAU1, Stresemannstr. 29, 10963 Berlin

hebbel-am-ufer.de

Peter Weiss ist vor allem als Schriftsteller und Bühnenautor bekannt, begann seine künstlerische Laufbahn aber als Maler. Nach der Emigration nach Schweden bestimmten das Gefühl des Fremdseins, die Unsicherheit und existentielle Not im Exil die schwierige Suche nach neuen Ausdrucksformen. In den 1950er Jahren wandte sich Weiss schließlich den Bewegtbildern des Films zu. Er drehte insgesamt 18 Experimental-, Dokumentar- und Spielfilme, von denen vier Fragment blieben, ehe er mit der Veröffentlichung des Kurzromans Der Schatten des Körpers des Kutschers den lange ersehnten literarischen Durchbruch erzielte. Weiss' filmisches Werk markiert den Übergang von einer surrealistisch geprägten Innensicht zur Auseinandersetzung mit der sozialen Wirklichkeit in der geteilten Welt des Kalten Krieges. In seinen Dokumentarfilmen tritt der detaillierte Blick auf Menschen und Orte hervor, die akribische Arbeit mit Fakten und Lebensgeschichten deutet sich an, die später für Die Ästhetik des Widerstands eine so große Rolle spielte. Weiss entwirft kein geschlossenes Geschichtsbild, vielmehr bleibt das Handeln seiner Figuren von individuellen Standpunkten und Widersprüchen durchzogen. Im Denken in Gegensätzen, „angefressen von der Zweifel-Krankheit, Schwierigkeit, mich für eine Sache zu entscheiden, Hin u Her, Schwanken in der Arbeit, früher Malen–Schreiben, Theater–Film, schwedische-deutsche Sprache“, wie er es in den Notizbüchern beschreibt, liegt eine wesentliche produktive Kraft der Kunst von Peter Weiss.

Vor diesem Hintergrund widmet sich die Filmreihe dem Verhältnis von ästhetischer und politischer Subjektivität in Bezug auf Widerstand und gesellschaftliche Veränderung. Die Zusammenstellung internationaler historischer und zeitgenössischer Filme und Kurzfilmprogramme aktualisiert einige der wiederkehrenden Themen bei Weiss – von der ewigen Ausbeutung menschlicher Arbeit und der Macht des Kapitals über den Kampf gegen Unterdrückung und Ungleichheit, Rassismus und Faschismus bis zu den Schrecken des Krieges und der Frage der Gewalt als Mittel revolutionärer Politik.


26. September 2016, 20:00
/ Arsenal 1

Der Hamburger Aufstand Oktober 1923, Klaus Wildenhahn, Gisela Tuchtenhagen, Reiner Etz, BRD 1971, 115'

Den Männern und Frauen des letzten Versuchs einer bewaffneten sozialistischen Revolution in Deutschland zuzuhören, ist Anliegen des Films Der Hamburger Aufstand Oktober 1923. Die dreiteilige, an der dffb „zwischen März und August 1971 hergestellte Wochenschau“ veranschaulicht den Klassenkampf als alltägliche Erfahrung: Hunger, Streik, Gefängnis, Konzentrationslager. Eine Geschichte, die sich nur „von unten“ erzählen lässt.

Anschließendes Publikumsgespräch mit Maurice Taszman.


27. September 2016, 20:00 / Arsenal 1

Hägringen, Peter Weiss, SE 1959, 80'



Der experimentelle Spielfilm Hägringen (Der Vogelfreie) verbindet die beiden Schlüsselelemente in Peter Weiss‘ Kinoarbeit: den subjektiv-surrealen und den dokumentarischen Ansatz. Der Film zeigt die Begegnung eines jungen Mannes (Staffan Lamm) mit der Großstadt am Beispiel Stockholms. Sein Gang durch unterschiedliche Milieus gerät zu einer tour de force, bei der es ihm nicht gelingt, Beziehungen zu anderen aufzubauen oder sich der Dynamik des modernen Lebens zu unterwerfen.

Anschließendes Publikumsgespräch mit Gunilla Palmstierna-Weiss.


2. Oktober 2016, 20:30 / HAU1

Hat Wolff von Amerongen Konkursdelikte begangen?, Gerhard Friedl, DE/AT 2004, 73'
An Exchange For Fire, Anja Kirschner, David Panos, UK 2013, 13'


An Exchange For Fire, Anja Kirschner, David Panos, UK 2013

Von den Karrieren, Eigenarten und Verbrechen der deutschen Unternehmerelite des 20. Jahrhunderts zur Griechenland-Krise – in ihrer kunstvoll nüchternen Art zeichnen die beiden Filme ein irritierendes Bild des Finanzkapitalismus und der Ungleichverteilung von Wohlstand und Teilhabe. Gerhard Friedls epischer Dokumentarfilm über die Nicht-Abbildbarkeit von Wirtschaftskriminalität entstand als Abschlussarbeit an der HFF München. Die fünf Episoden von An Exchange for Fire, unterlegt mit Texten von Clinical Wasteman, wurden im Auftrag des britischen Fernsehsenders Channel 4 produziert.

Anschließendes Publikumsgespräch mit Anja Kirschner.


3. Oktober 2016, 19:30 / Arsenal 2

Beyond Evidence

In staatlichen Ritualen und Symbolen vergewissert sich eine Gesellschaft ihrer selbst. Ein Angriff hierauf – von welcher Seite auch immer – löst nicht selten einen Sturm der Empörung aus, aufgeputscht durch die Medien. Mit Mitteln der Recherche, der künstlerischen Verfremdung und der Intervention im öffentlichen Raum untersuchen die Filme des Programms das Verhältnis von Massenmedien, Populismus und Angstproduktion sowie von struktureller Ausländerfeindlichkeit und Rechtsradikalität in Deutschland.

Trembling Time, Yael Bartana, NL 2001, 6'
Der Fall Joseph, Petra Bauer, SE 2003, 47'
Semra Ertan, Cana Bilir-Meier, DE/AT 2013, 7'
Symbolic Threats, Mischa Leinkauf, Lutz Henke, Matthias Wermke, DE 2015, 15'

Anschließendes Publikumsgespräch mit Mischa Leinkauf und Lutz Henke.


4. Oktober 2016, 19:30 / Arsenal 2

Spur der Gewalt


La impresión de una guerra, Camilo Restrepo, 2015

In Enligt lag (Im Namen des Gesetzes) dokumentieren Hans Nordenström und Peter Weiss das Jugendgefängnis von Uppsala als Ort der Erniedrigung des Menschen: ein gewöhnlicher Alltag außerhalb der „Normalität“ im Schweden der 1950er Jahre. Das Leben an den Rändern der Gesellschaft zu zeigen, ist ein wiederkehrendes Thema des politischen Kinos. Im Blick auf aktuelle Spuren von Repression und Krieg in Paraguay, Kolumbien und der Republik Moldau präsentiert das Programm unterschiedliche Strategien des Sichtbarmachens durch Film.

La Estancia, Federico Adorno, PY 2014, 14'
Enligt lag, Hans Nordenström, Peter Weiss, SE 1957, 18'
La impresión de una guerra, Camilo Restrepo, CO/FR 2015, 26'
Posten Nr. 6, Steffi Wurster, DE 2016, 25'


Anschließendes Publikumsgespräch mit Steffi Wurster.



7. Oktober 2016, 19:00 / HAU1

Duvarlar-Mauern-Walls
, Can Candan, US 2000, 84'

1991 fliegt der Filmemacher Can Candan von den USA nach Berlin, um der Frage nachzugehen, wie sich die Folgen des Mauerfalls auf die in der Stadt lebenden türkischen Immigranten auswirken. Angesichts des zunehmenden Nationalismus und der von rassistisch motivierter Gewalt begleiteten Asyldebatte sprechen eine Vielzahl von Interviewpartnern über die Vergangenheit der Arbeitsmigration in die BRD sowie die Gegenwart und Zukunft migrantischer Kultur und Mitsprache im wiedervereinigten Deutschland.

Anschließendes Publikumsgespräch mit Jana König, Elisabeth Steffen und Inga Turczyn.


11. Oktober 2016, 19:00 / Arsenal 2

Memorias del subdesarrollo, Tomás Gutiérrez Alea, CU 1968, 95'

Memorias del subdesarrollo (Erinnerungen an die Unterentwicklung) erzählt die Geschichte eines wohlhabenden Amateurschriftstellers (Sergio Corrieri) im revolutionären Havanna von 1961. Er beobachtet die Veränderungen, versucht sich an die alte Zeit zu erinnern und die neue zu verstehen. In die fiktive Handlung hat Tomás Gutiérrez Aleas Dokumentar- und Wochenschauaufnahmen eingeschnitten, und damit eine der tiefgründigsten Reflexionen über die kubanische Revolution geschaffen.



11.Oktober 2016, 21:00 / Arsenal 2

Images of Change


Somos +, Pedro Chaskel, Pablo Salas, 1985

San Francisco, Santiago, Athen – die Straßen der Stadt waren und sind Orte und Zeichen des Kampfes um soziale, ökonomische und politische Veränderung. Welche Bilder entstehen hierbei, wer wird repräsentiert und wer nicht, und wer repräsentiert sich wie selbst? Das dokumentarische Abbild der Wirklichkeit im Film stelle immer eine Form der Parteinahme dar, betont der britische Filmemacher Peter Watkins im Gespräch mit Deimantas Narkevicius in The Role of a Lifetime.

Secrets from the Street: No Disclosure, Martha Rosler, US 1980, 11'
Somos +, Pedro Chaskel, Pablo Salas, CL 1985, 15'
The Role of a Lifetime, Deimantas Narkevicius, LT 2003, 17'
Ici rien, Daphne Hérétakis, FR/GR 2011, 30'

Anschließendes Publikumsgespräch mit Daphne Hérétakis.


17. Oktober 2016, 19:00 / Arsenal 1

The Anatomy of Violence, Peter Davis, UK/CA 1967, 30'
Afsan's Long Day (The Young Man Was, Part 2), Naeem Mohaiemen, BD 2014, 40'

Die beiden Filme des Programms verhandeln die Frage nach Gewalt und Widerstand in der Geschichte der radikalen Linken: Peter Davis dokumentiert den Dialectics of Liberation-Kongress, der im Juli 1967 unter Teilnahme von Herbert Marcuse, Allen Ginsberg, Stokely Carmichael, Carolee Schneemann u.v.m. in London stattfand, während Naeem Mohaiemen die politischen Tumulte im Bangladesch der 1970er Jahre in Kontrast zum Deutschen Herbst stellt, inspiriert von den Tagebüchern des Historikers Afsan Chowdhury.


17. Oktober 2016, 21:00 / Arsenal 1

The Ugly One, Eric Baudelaire, FR 2013, 101'



Eric Baudelaires Film basiert auf einem Drehbuch des japanischen Filmemachers Masao Adachi, der über zwei Jahrzehnte in Beirut im Untergrund lebte. Mit der Geschichte von Lili (Juliette Navis) and Michel (Rabih Mroué) weicht Baudelaire immer wieder von Adachis Text ab: die schmerzhafte Erinnerung an einen terroristischen Akt und den Verlust eines Kindes. Nicht zuletzt in Bezug auf die unlösbare politische Situation im Nahen Osten dreht sich The Ugly One um die Unmöglichkeit, die biografischen, dokumentarischen und fiktiven Elemente des Films miteinander in Einklang zu bringen.


18. Oktober 2016, 20:00 / Arsenal 1

Factory Complex, IM Heung-soon, KR 2014, 95'

IM Heung-soon zeigt die Ausbeutung ungelernter Arbeiterinnen in Südkorea seit den 1970er Jahren. Damals wie heute kämpfen die Frauen für grundlegende Rechte und eine angemessene Bezahlung ihrer oft gesundheitsschädlichen Arbeit in den Textil- und Elektronikfabriken – dort, wo die Produkte der globalen Konsumkultur hergestellt werden. Zwischen Dokumentation und Kunst changierend, gewann Factory Complex den Silbernen Löwen der 56. Kunstbiennale Venedig 2015.

Anschließendes Publikumsgespräch mit Sun-ju Choi.